Eine leichte Dünung erfasste die Bright of Kent als wir den Hafen von Calais verließen, gleißendes Licht aus stahlblauem Himmel, die Fähre und darunter die graugrüne See. Das Boot schob sich einem Ziel zu, das den meisten Flüchtlingen im hinter uns liegenden ‚Dschungel‘ wohl auf lange Sicht verschlossen bleibt. Hastings, Sussex und London waren unsere Ziele. Keine unserer Sehnsuchtsziele, die lagen wohl eher am Mittelmeer. Wer konnte schon ahnen, dass der Himmel auf der Insel wie blank geputzt, die Landschaft wie Auenland, das Meer unendlich waren. Gut der Tag und die halbe Nacht in London waren bewölkt, leichte Schauer hier und da, die ein Brite aber wohl kaum Regen genannt hätte. Zudem die Hauptstadt wie verrammelt, drei Stunden zähes Ringen auf den Straßen um hinein, genauso lange um wieder herauszukommen. Aber was für eine Stadt!

Ein ganzes Gebirge an Kultur (vieles hastig vom Empire zusammengerafft), ein Meer an Theater und Entertainment, Essen und Trinken an jeder Straßenecke für den riesigen Bauch Londons, Ströme ohne Ziel an Menschen, Fahrzeugen und Ideen. Und wem das nicht schon genug war noch eine gehörige Portion Shakespeare oben drauf, im alten Globe, im Stehen und bei Niesel, drei Stunden lang! Ich hatte, bei Gott, schon lange kein solch unerwartetes Theatervergnügen mehr.

Hastings dagegen ein wenig heruntergekommen, aber auf charmante Art, ein altes Räuber- und Fischer Nest. Liebe auf den zweiten Blick. Die wenigen Boote, die dem Ort blieben, müssen nach wie vor von rostigen Raupen und Elektrowinden an Land gezogen werden, die reißende Strömung macht echte Häfen an Sussex‘ Küste unmöglich. Eine Kirche mit Boot als Kanzel, zwei Standseilbahnen die die Steilküste erklimmen. Adrienne führte uns behend durch ihre Stadt. Sie hat die Welt bereist, dabei ihr Geld verlebt, und sich jetzt den sonnigsten Ort Englands für den letzten Lebensabschnitt gewählt. Erwartet mieser Frühstücks-Kaffee im Hostel, das für die meisten wohl noch okay war (ein sehr gedehntes okay). Überraschend exzellenter Kaffee im Café Nero oder Costa. Die Pubs hier heißen ‚Cinque port arms‘ oder ‘First in last out‘, wir nahmen das nicht zu wörtlich. Beachy Head auf dem Rückweg von Brighton. 150 Meter über dem Meer und nur eine Handbreit zwischen dem kleinen Ich und der Unendlichkeit. Hier und da ein Holzkreuz, Blumen, ein Luftballon oder ein Gedicht für die, die an dieser Stelle den Schritt in die eigene Ewigkeit taten. Noch so ein Ort, den wir nicht erwartet hatten…